Aus irgend einem unerfindlichen Grunde glauben viele Menschen, dass die Region Rueda der Gebirgsstruktur einer Flunder gleichkäme. Weit gefehlt! Allein der Ort La Seca mit seinen immerhin 2.000 Hektar Rebfläche weist Höhenunterschiede von bis zu einhundert Metern auf. Zudem gibt es in der hügeligen Gegend Hangneigungen in quasi alle Himmelsrichtungen, Weinberge in Talsohlen, aber auch auf der Hochebene, die, nun ja, eben doch platt ist. Und - es gibt höchst unterschiedliche Bodenzusammensetzungen: sandige Böden nahe des Duero, La Seca reicht bis an den Fluss, lehm- und kalksandsteinhaltige Böden, Kieselauflagen, welche der Fluss dereinst herangeschleppt hat, kalkreichen Untergrund und vieles mehr. Auf all diesen Böden stehen Reben. Und bei sorgfältiger Arbeit erscheint es logisch, dass daraus unterschiedliche Geschmacksmuster entstehen. Wenn ein Riesling auf Schiefer anders schmeckt als der gleiche Klon auf erdigem Geläuf, warum soll das dann nicht auch bei Verdejo, Viura, Sauvignon Blanc oder Tinta Fina der Fall sein.
Dass dies bislang keinen Eingang in die Weinproduktion gefunden hat, hat nicht viel zu sagen. Zwar gibt es landauf, landab Weine, deren Name mit dem Wörtchen Pago beginnt. Doch: wo Lage drauf steht muss nicht unbedingt Lage drin sein. Die Tradition ist hier eine andere. Weine werden vermischt und es entsteht ein Endprodukt. So begannen wir im Jahr 2005 über das Herausarbeiten der Charakteristika unterschiedlichster Parzellen nachzudenken. Das heißt, eigentlich begann dieser Prozess schon weit früher. Denn schon seit Anfang an wurden alle roten Moste getrennt nach Parzellen vergoren, und bei den Weißweinen zumindest ein Teil. Letztendlich ist dies auch eine Frage der Fasskapazitäten.
Natürlich haben wir über manch bissigen Kommentar nachgedacht, über die Bemerkungen derer, die uns erklären wollten, dass dies in Burgund, an der Rhone, an der Mosel, im Rheingau oder in manchen Ecken Österreichs funktioniere, aber nicht in Kastilien. Aber erstens wissen auch diese Menschen nicht, was bei einer konsequenten Winbergsarbeit machbar ist und was nicht. Und zweitens ist gerade in Deutschland alles eine Einzellage, völlig unabhängig davon, ob dies nun sinnvoll ist oder nicht.
Die Analyse der Weinberge ergab, dass insgesamt sieben Parzellen infrage kommen, davon drei Rotweinlagen. Letztendlich sind es acht, wobei allerdings Finca Pozo la Nieve und der hier gelesene Verdejo-Eiswein nicht so richtig ins Konzept passt. Eiswein kann man nun einmal nicht in jedem Jahr ernten. Bei der aktuellen Klimaentwicklung bleibt ohnehin die Frage, ob dies nicht ein einmaliges Ereignis war. Eine terroirbedingte Toplage ist dies jedenfalls nicht. Allerdings befindet sie sich da in guter Gesellschaft. Viele Eisweine von der Mosel oder aus anderen Regionen stammen aus Lagen, die sonst eher selten große Weine liefern. Aber zurück zu den anderen Pagos.
Da in der Bodega der Schwerpunkt nun einmal auf der Produktion von
Weißweinen liegt, war die Wahl dieser Parzellen der wichtigste
Punkt. Bei zwei Parzellen ging das sehr rasch, bei zwei anderen war die
Sache schon komplizierter.
Da es derzeit nur eine Parzelle Sauvignon Blanc gibt, Finca El
Jardín, war hier die Auswahl nicht schwer. Finca El
Jardín ist mit gerade einmal sechs Jahren eine relativ junge
Anlage. Sie liegt plan, direkt neben der Bodega, und weist einen er
schweren Boden auf. Zwar relativ arm an organischem Material, aber im
Untergrund handelt es sich um Schwemmland mit tonhaltigen
Einsprengseln. Die Stöcke sind im Drahtrahmenstil gezogen, es
stehen 3.000 Stöcke pro Hektar. Eine dichtere Bestockung wäre
zwar theoretisch denkbar, ist aber aufgrund der Wasserknappheit - La
Seca trägt seinen Namen nicht zu Unrecht - riskant und
außerdem fehlt für eine engere Bestockung der passende
Traktor. Der Ertrag ist in dieser zwei Hektar großen Parzelle auf
ein Kilo pro Stock beschränkt, also eine Flasche pro Stock.
Die Idee hinter diesem Wein ist ein eher nördlich geprägter
Sauvignon, superaromatische Weine gibt es in dieser Bodega ohnehin
nicht. Also heißt das Ziel Stoffigkeit. Lange Reife auf der
Feinhefe, zumindest anfangs häufige Bâtonnage und keine zu
kühle Vergärung. Die ersten beiden Jahrgänge - 2005 und
2006 - wurden respektive werden im Stahltank ausgebaut, eventuell gibt
es mit dem Jahrgang 2007 erstmals einen Versuch in gebrauchten
300-Liter-Barricas. Neues Holz scheint nicht sinnvoll zu sein, und
gebrauchte Fässer standen letztes Jahr nun einmal nicht zur
Verfügung. Im Prinzip ist die gesamte Parzelle sehr uniform. Dies
bedeutet, dass theoretisch alle 5.000 Kilo für diesen Wein
geeignet wären. Dennoch gibt es erst einmal nur 800 Flaschen pro
Jahr, der Rest findet sich in dem Wein namens Alma del Pedregal -
Elocuencia wieder.
Eines der spannendsten Projekte ist das der Viura. Diese im Osten
des Landes auch Macabeo genannte Rebsorte hat das Image eines
Massenträgers, säuerlich, grün, schnell alternd und was
nicht noch alles. Und in der Tat: ein wirklich ernsthafter Viura-Wein,
also ein Wein, der auch einmal vier oder fünf Jahre halten kann,
ist nicht bekannt. Das ist allerdings eher eine Herausforderung als ein
Hindernis. Bei der Auswahl dieser Parzelle standen zwei Alternativen
zur Wahl: eine in San Martin gelegene Parzelle, 4.000 Stöcke, etwa
70 Jahre alt, klassischer Kopfschnitt, Kieselauflage mit kalkhaltigem
Untergrund sowie Varrastrojuelos, eine noch einmal fünfzehn Jahre
ältere Parzelle, ein Hektar groß, also 1000 Stöcke.
Hier ist der Kiesel noch dichter, Hangneigung ist bei beiden Parzellen
nicht vorhanden. Die Wahl fiel auf letztere, da es zum einen die
ältesten Stöcke sind und zum anderen von den tausend
Stöcken dreihundert schon nicht mehr da sind und weitere
zweihundert entweder schon tot sind oder vor sich hin darben. Somit
bleiben 500 Stöcke, die nur wenig mehr als 500 Liter Most ergeben.
Da die Parzelle ohnehin separat gelesen und vinifiziert wird, war auch
hier die Entscheidung relativ einfach. Ziel ist hier ein gutes
Frucht-Säure-Alkohol-Spiel. 13,5° Vol. sollten schon die
Obergrenze sein, da bei einer weiteren Reife die Säure zu stark
abfällt. Eine malolaktische Gärung findet aus diesem Grunde
nicht statt. Ansonsten erfolgt der Ausbau ähnlich dem des Finca
El Jardín, also langes Hefelager, aber weniger
Bâtonnage, da die bei dem Sauvignon Blanc gewünschte
Cremigkeit bei diesem Wein eher stören würde. Auch von diesem
Wein gibt es etwa 800 Flaschen. Dies allerdings ist gleichzeitig die
Obergrenze, da der restliche Viura für den Cepas Viejas
benötigt wird.
Die Zahl der Verdejo-Parzellen der Bodega ist dicke zweistellig. Die jungen Anlagen und die im Drahtrahmen gezogenen, deren Trauben nicht für die bodegaeigenen Weine genutzt werden, schieden schon einmal aus. Dennoch verblieb mehr als ein halbes Dutzend. Die Entscheidung für die beiden Parzellen Buenavista und El Alto beruhte letztendlich auf deren unterschiedlicher Bodenstruktur sowie den verschiedenartigen Kleinklimata. Die Hitzewelle Ende August 2006 schränkte die Entscheidung vorübergehend nochmals ein. Denn da relativ rasch gelesen werden musste, blieb für eine Selektion in der Parzelle Buenavista keine Zeit. Grundsätzlich ist es eine sehr interessante Parzelle. Ganz im Norden nahe des Duero gelegen, etwa fünfzig Meter tiefer als El Alto, im Norden begrenzt durch einen Pinienwald, ein latent feuchteres Klima, zwar auch Kiesel ohne Ende, aber viel stärker gemischt mit Sand, und damit lockerer, die Wurzeln können sich problemloser in die Tiefe graben. Leicht nach Norden abfallend, wobei diese Neigung von drei bis fünf Grad wohl nicht ausreicht, um die direkte Einstrahlung der Nachmittagssonne zu verhindern. Mit 80 Jahren Rebalter eine der wirklich alten Parzellen der Bodega. Diese 80 Jahre alten Stöcke hat sie mit El Alto gemeinsam. El Alto ist, wie der Name schon vermuten lässt, eine weit oben gelegene Parzelle. Über dem Camino La Peña auf etwa 760 Metern Höhe stehen knapp 2.400 Stöcke Verdejo. Die Bodenstruktur ist der des Varrastrojuelos sehr ähnlich, schließlich liegen sie fast auf gleicher Höhe und sind letztendlich nur durch eine kleine Mulde voneinander getrennt. Das wichtigste aber ist die Kleinbeerigkeit dieser Anlage. Trauben mit achtzig Gramm Gewicht sind schon eine Seltenheit, schwerer als hundert Gramm ist kaum eine Traube. Der Ausbau des Weines erfolgt komplett in neuem Holz. Die Wahl fiel dieses Jahr auf Fässer aus Allier-Eiche, nächstes Jahr wird es auch Experimente mit Holz aus de Vogesen geben, welches ein wenig weicher ist. Keine amerikanische Eiche, kein zu aggressives Toasting, der Wein soll schließlich nicht maskiert werden. Anfange wöchentlich Bâtonnage, später einmal pro Monat. Nach der malolaktischen Gärung wird einmal abgezogen, um die Wein dann auf der Feinhefe noch sieben bis acht Monate reifen zu lassen. Eine generelle Regel zur Schönung gibt es nicht. Filtrationen sollen möglichst vermeiden werden. Vom Jahrgang 2006, der erste El Alto, wird es gut 1.800 Flaschen geben. Auch hier ist eine Ausdehnung bis auf theoretisch 8.000 Flaschen möglich, allerdings tritt dann ein Konflikt mit dem klassischen Verdejo auf, da ein Teil der Trauben für diesen Wein benötigt wird.
Bei den Rotweinen gibt es drei verschiedene Parzellen, die
interessant sind. Zum einen ist das Camino la Peña, eine gut
vier Hektar große Parzelle, etwa 25 Jahre alte Stöcke, in
sich allerdings dreigeteilt. Da jedoch die Verzettelung der Feind jeder
guten Idee ist, liegt dieses Projekt erst einmal auf Eis. Konkrete
Züge nehmen dagegen die anderen beiden Lagenweine an. Ähnlich
wie bei dem Verdejo könnte auch hier die Ausgangslage
unterschiedlicher nicht sein. Finca La Perdiz, das ist eine junge
Anlage, derzeit gerade einmal zehn Jahre alt. Sie steht auf
Schwemmland, latent tonhaltig, leicht gen Osten geneigt, was positiv
gegenüber der Nachmittagshitze ist - und Drahtrahmen. Finca Las
Sernas dagegen ist die älteste Rotweinparzelle des Weingutes, ein
Jahr älter als Camino La Peña. Hier stehen 3.200
Stöcke Tinta Fina. Die Bodenstruktur ist der des Finca El Alto
nicht unähnlich. Allerdings ist der Boden nochmals kalkreicher,
was sich auch im Aroma des Weines bemerkbar macht. In seiner Urform
gibt es diesen Lagenwein bereits. Es ist der Tinta Fina
Selección. Den Unterschied macht hier der Ausbau. Der
Selección durchläuft die malolaktische Gärung
teilweise im Stahltank, teilweise im Barrique. Neben neuem Holz findet
auch einjähriges Barrique Anwendung, neben französischer
Eiche kommt auch amerikanische zum Einsatz. Zudem ist die Fassreife auf
12 Monate beschränkt. Der Las Sernas hingegen wird so ausgebaut,
wie es schon bei dem Finca La Perdiz der Fall ist: Malo zu 100% im
Barrique, nur neues Holz, achtzehn Monate Fassreife. Finca La Perdiz
gab es erstmals vom Jahrgang 2004, der Las Sernas feierte 2006 Premiere
und wird erst Mitte 2008 auf den Markt kommen.